Bettina Herlitzius, MdB

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Gender Mainstreaming

Dokumentation des Fachgesprächs "Wohnungs- und Verkehrspolitik für ALLE"


Gender Mainstreaming als Planungsinstrument im öffentlichen Raum,
am 26. Januar 2009 in Berlin

Bettina Herlitzius, grüne Sprecherin für Tourismus- und Wohnungspolitik und  Dr. Anton Hofreiter, Obmann der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen im Ausschuss für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung luden am 26. Januar 2009 zu einem Fachgespräch zum Thema "Wohnungs- und Verkehrspolitik für alle" ein. Unter der Fragestellung, ob Gender Mainstreaming als Planungsinstrument eine qualitative Verbesserung von Stadt- und Verkehrsplanung bewirkt, diskutierten mit uns hervorragende Referentinnen: Meike Spitzner, Wuppertal Institut, Juliane Krause, Planungsbüro plan&rat, Stephanie Bock, Deutsches Institut für Urbanistik und Eva Kail, Wiener Leitstelle für alltags- und frauengerechtes Planen und Bauen.

Es wurde sowohl über die theoretischen und wissenschaftlichen Hintergründe als auch über praktische Erfahrungen und Projekte, in denen GM als Planungsinstrument zum Einsatz kam, berichtet. 60 bis 70 TeilnehmerInnen aus den Bereichen Verkehrs- und Stadtpolitik, sowie diversen Interessengemeinschaften und VertreterInnen der Industrie besuchten das Fachgespräch und trugen zu einer anregenden Fachdiskussion bei.

 

Hintergrund:
Klimawandel und die aktuelle Finanzkrise werden Auswirkungen auf unsere Städte haben. Deshalb ist es gerade jetzt wichtig, dem Thema Verkehrs- und Siedlungsentwicklung  besondere Aufmerksamkeit zu widmen, damit sich die planerischen Fehlentwicklungen der Vergangenheit in den Städten und Gemeinden nicht wiederholen.

Wie sieht unser Wohnen, unsere Mobilität in der Zukunft aus? Welche unterschiedlichen Ansprüche haben Frauen und Männer an den öffentlichen Raum? Wie gelingt es uns, gleichwertige Lebensbedingungen für ALLE in der Stadt und auf dem Land zu schaffen?  Kann die verbindliche Einführung des Gender Mainstreaming in der Stadt- und Verkehrsplanung hier neue Perspektiven bieten? Und schließlich, was kann die Politik tun?

 

Fachgesprächsbeiträge:
Die Beiträge beleuchteten GM als Planungsinstrument in den Bereichen Verkehrs- und Stadtplanung theoretisch und an praktischen Beispielen.

Im ersten Teil ging es um die Verkehrsplanung. Es wurde hinterfragt, wie GM in der Verkehrsplanung überhaupt funktionieren kann, bzw. welche Probleme damit gelöst werden können. "Nicht die Unterschiede sind das Problem, sondern das Unterschiede machen", erklärte eine Referentin am Beispiel der unterschiedlichen Umgebungseroberung von Jungen und Mädchen. Allein hier kann eine strukturierte und klare Herangehensweise die Qualität der Planung erheblich verbessern. In einem weiteren Beitrag wurde diese These durch das Beispiel der Stadtbahnverlängerung in Freiburg untermauert. Nicht nur der ausgeprägte öffentliche Beteiligungsprozess mit auf die jeweiligen Zielgruppen zugeschnittenen Verfahren, sondern auch die klare Festlegung von Zielen und Leitlinien für die diversen Nutzungsansprüche führte zu einer hohen Akzeptanz des Projektes und zu einer Verbesserung der Planung.

Die nächsten beiden Beiträge rückten den Aspekt der Stadtplanung in den Mittelpunkt. Hier wurde deutlich, dass GM auch hinsichtlich der Planungen einer lebenswerten Stadt positiv wirken kann. Nicht nur als reines Organisationsverfahren, sondern ebenso inhaltlich und vor allem auch als ein die  Organisationen selber veränderndes Verfahren. Als großes Manko wurde jedoch beklagt, dass es wenig Daten über die Evaluierung von Projekten gibt, die mit GM entwickelt worden sind. Dies ist sicherlich ein Ansatzpunkt an dem es weiterzuarbeiten gilt.

Ein sehr beeindruckendes Beispiel für die positive Auswirkung auf einen Stadtteil mit Hilfe von GM bietet Mariahilf in Wien. Dort ist z.B. durch Veränderungen bei der Beleuchtung und übersichtlichere Gestaltung der Fußgängerwege ein größeres Sicherheitsgefühl entstanden. Auch die geplanten und umgesetzten breiteren Gehwege sowie verschiedene Teilräume in Parkanlagen sprechen wie gewünscht,  unterschiedliche NutzerInnengruppen  an.

Durchweg wurde der Wunsch deutlich, GM stärker zu institutionalisieren, da es gegenwärtig in der Stadt- und Verkehrsplanung noch stark von den vor Ort beteiligten Menschen abhängig ist, inwieweit GM in den Planungsprozess einbezogen wird. Gewünscht wurde "Best Practices" zu sammeln, zu vernetzen und einen stabilen Rahmen zu schaffen, damit vorhandenes Wissen nicht verloren geht.

Angeregt wurde ebenso, die Bundesanstalt für Straßenwesen in eine Bundesanstalt für Mobilität umzudefinieren und Gender Mainstreaming Aspekte auch in den beteiligten Bundesprogrammen zu verankern. Als enorm wichtig wird darüber hinaus die Verbreitung von Gender-Kompetenz gesehen.

 

Grüne Bewertung:
Unsere heutigen Siedlungsstrukturen erfordern vor allem in ländlichen Regionen ein Auto, um überhaupt den Alltag in erträglichen Zeithorizonten zu bewältigen. Viele dieser Fahrten könnten wir mit dem Rad, zu Fuß oder auch mit dem ÖPNV erledigen. Aber Radfahren in der Stadt ist vielen Menschen nicht sicher genug, das Radwegenetz lückenhaft, viele Kreuzungen gefährlich. Auch der ÖPNV ist unzureichend, kompliziert und wenig komfortabel gestaltet. Der Zugang zur "Mobilität" symbolisiert wie kaum ein anderes gesellschaftliches Verhalten die unterschiedlichen Lebensentwürfe. Bestehende Unterschiede zwischen alt und jung, arm und reich, stark und schwach, klein und groß, Mann und Frau werden hier deutlich sichtbar und entscheiden über die Teilhabe am öffentlichen Leben. Das Instrument des Gender Mainstreaming kann zu mehr Zugangsgerechtigkeit führen, indem Strukturen optimaler an den verschiedenen Bedürfnissen ausgerichtet und ein effizienterer Einsatz der Mittel erreicht wird.

Die Frage, ob Qualitätsgewinne nachweisbar sind, lässt sich nach dem Fachgespräch auf jeden Fall positiv beantworten. Durch die systematische Bearbeitung verschiedener Blickwinkel und durch die Beteiligung der Bevölkerung an den Planungsverfahren, wird manches Fachgutachten überflüssig, so dass mit Hilfe von GM erfolgte Planungsprozesse im Endeffekt nicht kostspieliger werden. Um hier noch bessere Ergebnisse zu erzielen, muss die Politik verstärkt Normen setzen und mehr Evaluierung einfordern.

 

 

 

 

Zusätzliche Information

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