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Wir werden immer älter

FG Wir werden immer älter

Veranstaltungsdokumentation

"Wir werden immer älter –Ist unser Wohnungsbestand fit für das Alter?"

Fachgespräch am 25. Mai 2009 in Berlin

An einem Montagnachmittag Ende Mai diskutierten etwa 40 sehr interessierte und engagierte TeilnehmerInnen auf Einladung der Bundestagsabgeordneten Bettina Herlitzius – Wohnungspolitische Sprecherin der grünen Bundestagsfraktion mit vier Experten über das Zukunftsthema "Wir werden immer älter – Ist unser Wohnungsbestand fit für das Alter?".

Angelika Simbriger vom koelnInstitut iPEK stellte in ihrem Beitrag die wesentlichen Leitlinien zum Thema "Wir wollen wir im Alter wohnen?" vor.  Besonders wichtig sind ihr dabei die Aspekte: Gemeinsam statt einsam, Vielfältigkeit und selbstbestimmtes wohnen! Ältere Menschen möchten so lange wie möglich zu Hause wohnen bleiben. Sie fühlen sich aber nur wohl, wenn sie in guter Nachbarschaft leben, die Wohnung barrierefrei und altengerecht angepasst wird und sie bei den Planungen von Neu- und Umbauten beteiligt werden. Wohnungspolitisch müssen wir, das wohnen bleiben möglich machen! Dabei sieht Angelika Simbriger Schwierigkeiten im Wohnungsbestand. Der Großteil sei nicht altengerecht und unter Umständen nicht altengerecht umbaubar. Deshalb sieht sie den Schwerpunkt bei der Umsetzung von Wohnprojekten im Neubau.

RAin Iris Behr vom Institut Wohnen und Umwelt beantwortete die Frage "Ist unser Wohnungsbestand fit für das Alter?" mit einem klarem nein. Fakt ist, die Zukunftsaufgabe altengerechtes wohnen ist bei nahezu allen Vermietern – insbesondere den großen Wohnungsunternehmen – definitiv angekommen. Bereits jetzt sind viele Vermieter im Bereich der barrierefreien Sanierung tätig geworden und bieten älteren Menschen zahlreiche Dienstleistungen rund um das wohnen an. Dennoch muss ihrer Meinung nach im Wohnungsbestand baulich noch sehr viel mehr passieren. Da die Neubauzahlen nur marginal sind, sind die Bestände gefragt. Wir können es uns gar nicht leisten – außer in Ausnahmefällen – die Bestände abzureißen!

Dipl. Ing. Detlef Desler vom Normenausschuss Bauwesen im DIN stellte den aktuellen Stand der neuen Norm zum barrierefreien bauen und umbauen vor. Die DIN 18040 liegt derzeit im Entwurf vor, Einsprüche können noch bis zum Sommer eingebracht werden. Sie regelt die Ansprüche an Barrierefreiheit für Wohngebäude aber auch für Nicht-Wohngebäude. Nur wenn verschiedene Kriterien innerhalb der Gebäude und beim Zugang zu den Gebäuden erfüllt werden, ist der Status der Barrierefreiheit erfüllt. Allerdings regelt die DIN nur die Barrierefreiheit bei Neubauten, der Wohnungsbestand bleibt bei den Regelungen außen vor. Die anspruchsvollen Kriterien der Barrierefreiheit seien im Bestand nicht realisierbar!

Angelika Grunberg vomWohnprojekt Buntes Haus – Gemeinschaftlich Wohnen im Alter in Berlin-Steglitzerläuterte ihre Erfahrungen mit dem gemeinschaftlichen und generationenübergreifenden wohnen. Im Bunten Haus leben Frauen im Alter von Mitte 40 bis Mitte 80 in 11 Ein- und Zweizimmerwohnungen zusammen. Angelika Grunberg ist von dieser Art des Zusammenlebens überzeugt: Lebendigkeit, gute Nachbarschaft, "wie auf dem Dorf", Gemeinschaftsgefühl, keine Einsamkeit, Hilfe untereinander, eigene und gemeinsame Bereiche – das sind nur einige der Schlagworte mit denen sie ihre Erfahrungen positiv beschreibt. Leider stehen viele dieser Wohnprojekte aber auch vor großen Schwierigkeiten. Denn die Bundesländer gehen unterschiedlich mit der sozialen Wohnbauförderung um. Im Berliner Fall laufen die Sozialförderungen nach 15 Jahren aus. Die Folgen sind mangelnde Mietsicherheit, stark steigende Mieten (die Miete steigt in etwa um das dreifache!), Leerstände und schließlich die Insolvenz der Projekte. Hier gilt es bessere Bedingungen zu schaffen und diese positiven und unterstützenswerten Wohnformen zu fördern!

Dr. Klaus Habermann-Nieße von plan zwei Stadtplanung und Architektur gelang es als Moderator hervorragend die TeilnehmerInnen in die Diskussion einzubinden. Sein persönliches Fazit lautete: beim wohnen im Alter gibt es mehr als einen Gemeinschaftsbegriff. Gefragt ist das persönliche und öffentliche Engagement. Bereits heute gibt es viele Möglichkeiten zum gemeinschaftlichen und generationenübergreifenden wohnen außerhalb von Heimeinrichtungen. Wichtig dabei ist aber: bei jeder Form des gemeinschaftlichen Lebens muss stets die Individualität erhalten bleiben und möglich sein!

Die TeilnehmerInnen – darunter interessierte BürgerInnnen, KommunalpolitikerInnen, ArchitektInnen und VertreterInnen der Wissenschaft, der privaten VermieterInnen und der großen Wohnungsunternehmen diskutierten lebhaft und engagiert. Festgestellt wurde leider, dass solche Wohngruppenprojekte wie das Bunte Haus nach wie vor Nischenprodukte sind und der altengerechte Umbau des Wohnungsbestand wichtige Zukunftsaufgabe ist. Der Bedarf an altengerechten Wohnungen wurde für die nächsten Jahre auf 800.000 Wohneinheiten beziffert. Deutschland steht hier auch im internationalen Vergleich noch schlecht dar. Während hier nur etwa 0,8 Prozent des Wohnungsbestands altengerecht sind, sind es beispielsweise in den Niederlanden etwa 5 Prozent. Wesentlich für das "so lange wie möglich zu Hause leben können" sind ein altengerechtes Bad, der barrierefreie Zugang zum Haus sowie ein Aufzug. Aber nicht alle Bestandsbauten können entsprechend umgebaut und volkswirtschaftlich sinnvoll erhalten werden. Im Einzelfall muss deshalb auch der Abriss diskutiert werden.

Bettina Herlitziuswohnungspolitische Sprecherin der grünen Bundestagsfraktion – zog das Fazit und betonte besonders die Aufgaben für die Politik: Nicht nur Wohnungsanpassungen müssen besser gefördert werden sondern auch das gemeinschaftliche wohnen. Die Rahmenbedingungen für Wohnprojekte müssen erleichtert und die Planungssicherheit muss gewährleistet werden. Hier sind insbesondere die Kommunen gefragt. Denn sie können Grundstücke günstiger zur Verfügung stellen, die Beratung und Betreuung sowie die Moderation der Projekte verbessern und finanzielle Unterstützung leisten.

Die Wohnungsbauförderung soll sich nicht nur nach energetischen Kriterien richten, sondern auch die Punkte Barrierefreiheit, Erhalt von lebendigen Stadtquartieren und Stärkung der Nachbarschaften beachten. Im gemeinschaftlichen Wohnen muss konkret die Planung und Errichtung von Gemeinschaftsräumen gefördert werden.

Da die meisten Menschen auch im Alter so lange wie möglich zu Hause wohnen bleiben wollen, sollten energetische Sanierung und barrierefreier Umbau im Bestand verknüpft werden. Dennoch gibt es insbesondere bei kleineren, altengerechten Wohnungen einen akuten Neubaubedarf!

 

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