Springe direkt zu: Contentbereich, Hauptnavigation, Suche
Sie sind hier:
Kurzbericht
Fachgespräch "Soziale Stadt – Chancen schaffen und Zusammenhalt bewahren: Die Bedeutung der Gentrifizierung für die Zukunftsfähigkeit städtischer Räume"
am 28. Juni 2010 von 14.00 - 17:30 Uhr in Berlin
Eine Veranstaltung der Bundestagsabgeordneten Bettina Herlitzius, Sprecherin für Stadtentwicklung der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen, moderiert von Daniela Wagner, Sprecherin für Wohnungspolitik der selben Fraktion.
Referenten waren Prof. i.R. Hartmut Häußermann (HU Berlin, res urbana GmbH), Ares Kalandides (INPOLIS UCE GmbH), Dr. Rainer Tietzsch (Rechtsanwaltsbüro Gründt und Dr. Tietzsch) und Theodor Winters ( S.T.E.R.N. Gesellschaft der behutsamen Stadterneuerung mbH).
In ihren Impulsreferaten stellten die Referenten ihre Sichtweise auf den Gentrifizierungsprozess und seine Bedeutung für unsere Städte dar.
Dabei beschrieb Prof. Häußermann die Entwicklung der Gesellschaft und den Druck auf die Städte durch die Vielzahl der instabilen Arbeits- und Beziehungsverhältnisse. Dadurch sind die Menschen heute viel mehr auf kurze Wege und die Stadt als Basis der Existenzsicherung sowie als multifunktionale Lebenswelt angewiesen. Seiner Meinung nach ist der Traum von einer Koexistenz verschiedener Kulturen und ökonomischen Lagen auf engstem Raum nicht realisierbar. Den wesentlichen Schlüssel für eine bessere Mischung sieht er in den Schulen. Das Wort "Vertreibung" wird von Prof. Häußermann als zu hart empfunden, denn Fluktuation hat es immer gegeben und wird es auch immer geben. Entscheidend ist, dass die Investoren einen raschen und tiefgreifenden Wandel verursachen und das Wohnsegment in der Regel verkleinert wird. Dieser Wandel sollte nicht verhindert, sondern sozial verträglich gestaltet werden.
Ares Kalandides kritisierte die positive Besetzung der Gentrifizierung, da dieser immer die Verdrängung enthalte. Besser sei es von einer Aufwertung zu sprechen. Außerdem kritisierte er die Formalität von Prozessen und der Gentrifizierung als Deutungsmodell. Die Kreativwirtschaft beschreibt er als statistisch erfasste Berufsgruppe, die sich vorrangig durch eine andere Lebensführung auszeichnet, in sich selbst aber von höchst unterschiedlichem sozialen Status geprägt ist. Seiner Meinung nach, gibt es beim modellhaften Ablauf der Gentrifizierung einen Deutungsfehler. Denn die Kreativwirtschaft wird in der Regel nicht verdrängt. Stattdessen entwickelt sich eine andere Generation der Kreativen.
Dr. Rainer Tietzsch stellte die Stellschrauben in Privat- und Städtebaurecht vor, an denen gedreht werden muss, wenn die Verdrängung der sozial schwachen Bewohner in aufgewerteten Stadtquartieren verhindert werden soll. Als Hauptproblem stellte er fest, dass wir heute alle in modernen Wohnverhältnissen leben wollen, aber ein Großteil der Bevölkerung nicht die entsprechenden "modernen" Einkommensverhältnisse hat. Deshalb entstehen durch die Verdrängung Sammelbecken mit einer hohen sozialen Sprengkraft.
Theodor Winters beschrieb seine praktischen Erfahrungen in der Stadterneuerung. Er kritisiert die Entwicklung des Begriffs Gentrifizierung vom soziologischen Fachbegriff zum politischen Kampfbegriff. Das Ziel der behutsamen Stadterneuerung sollten gemischte Stadtquartiere mit einer hohen Lebensqualität für alle sein. Das geht nur, wenn die soziale Entwicklung gemeinsam mit der baulichen Aufwertung betrachtet wird und die Sozialpläne nicht nachgeordnet erstellt werden. Aus seinen praktischen Erfahrungen u.a. in Prenzlauer Berg stellte er fest, dass Stadterneuerung nicht der Motor der Verdrängung sei, sondern dass ohne die bewusste Stadterneuerung diese Prozesse noch viel zielloser stattgefunden hätten.
Im Anschluss an die vier Impulsreferate der Referenten wurde im Plenum lebendig über verschiedene Instrumente zur Vermeidung der Verdrängung bei Aufwertung diskutiert. Dabei wurde mehrfach eine Überarbeitung von Baugesetzbuch und Mietrecht sowie eine Ausweitung und Stärkung der Städtebaufördermaßnahmen angesprochen. Auch die große Bedeutung von Schulen und Bildung wurde erwähnt, denn häufig ziehen Familien aus Quartieren weg, wenn ihre Kinder in das schulpflichtige Alter kommen. Dadurch verstärkt sich die Gefahr der Bildungsarmut in sozial schwachen Quartieren.
Bettina Herlitzius stellte abschließend fest, dass Gentrifizierung nicht immer und überall negativ ist. In manchen Städten bzw. Quartieren sind die Prozesse durchaus erwünscht. Daraus resultiert die Frage, wo sind wir für die Aufwertung mit all ihren Folgen und wo nicht. Der Wandel liegt ein Stück weit auch in der Natur der Städte bzw. in der Geschichte und wird auch weiterhin gebraucht. Vielfach häufen sich die Probleme bei den Kommunalfinanzen, beim Rückzug aus dem sozialen Wohnungsbau und der Privatisierung der öffentlichen Wohnungen, beim Rückzug der Kommunen aus der Stadtplanung und der Verdrängung der Familien mit Kindern, wenn familiengerechter und bezahlbarer städtischer Wohnraum knapp wird. Deshalb müssen Mietrecht und Baugesetzbuch überprüft und angepasst werden sowie die Städtebauförderung intensiviert und erhöht werden.